Textsammlung der Kritischen Uni Kassel

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Zur Kritik der neuen Bildungsformen

Im folgenden der Versuch, die neuen Bildungsformen allgemein begrifflich zu fassen. Ich denke, dass man sie in vier Momente aufteilen kann, die natürlich zusammenhängen: Erhöhung des Leistungsdrucks, Schematisierung von Lernprozessen, Ökonomisierung, Elitarismus/Konkurrenz. Es handelt sich auch nur um die Bildungsformen, und nicht um weitere ebenfalls wichtige Fragen wie die Hochschulstruktur oder Veränderungen in der Forschung. Die untenstehenden Notizen sind auch nicht als abgeschlossen zu betrachten.

Erhöhung des Leistungsdruckes

  • Produktivismus/Outputorientierung (Essayismus, Statement, viele Hausarbeiten)
  • Vervielfachung der Prüfungsleistungen und der Pflichtveranstaltungen (workload)
  • Erhöhung des Notendrucks (jede Note geht in den Abschluss ein, in den Master werden nur die besten übernommen)

Formalistische, schematische und mechanistische Form von Bildung (Schematisierung)

  • Die Studieninhalte sind vorgegeben, Wahlfreiheiten werden mehr und mehr abgebaut.
  • Es setzen sich mechanische Aufgabentypen durch, die wenig bis keine selbständige Reflexion erfordern (Bsp. Essay, multiple choice, vorgegebene Lernfragen).
  • Der Lernstoff besteht aus objektivierten Kenntnissen, die keines subjektiven Sinnes bedürfen (Wissen als Information). Es gibt daher keine immanente Bestimmung, welche Kenntnisse und Wissensfelder von Bedeutung sind; sie sind im Prinzip beliebig und erhalten nur eine äußerliche Bestimmung, entweder durch die abstrakte Nützlichkeit ihres Marktwertes oder die äußerliche Relevanz eines Reizes (Geisteswissenschaften).
  • Die Bildung wird durch einseitige Lehre vermittelt, in der Subjekt und Objekt der Lehre klar verteilt sind. Die Studierenden sind bloß passive Rezipienten, nicht aktive Denker.

Ausrichtung auf Verwertbarkeit, Anwendbarkeit und Berufsorientierung (Ökonomisierung)

  • Es zählen nur mehr Spezialisierung und Detailkenntnisse. Allgemeinbildung und ganzheitliche Ausbildung spielen kaum mehr eine Rolle.
  • Der Zweck des Studiums und der bestimmten Studieninhalte wird nur mehr durch den Marktwert bestimmt.
  • Das Kriterium für jeden bestimmten Studieninhalte sind Anwendbarkeit und Verwertbarkeit (siehe oben).
  • Das Studium erhält eine pur instrumentelle Ausrichtung, in dem das Lernen bloßes Mittel für das Bestehen von Prüfungen wird, die Prüfungsleistungen Mittel für den Abschluss, und der Abschluss Mittel für die Karriere. Das Design des Lebens ist ein permanentes Aufsteigen.

Elitarismus/Konkurrenz

  • Nur die genug Leistung bringen können, verdienen es, hohe Abschlüsse zu machen. Leistung wird allein subjektiv zugerechnet.
  • Unterscheidung Masse/Elite ist gerechtfertigt durch Erfolg in Konkurrenzverhältnissen.

Bisher wurden hier für politische Veröffentlichungen nur Listen von Änderungszielen diskutiert. Ich meine, dass diese Form von Kritik nicht die sinnvollste ist, sondern dass es um eine allgemeine Darstellung der neuen Bildungsformen geht, die dann auch direkt mit ihrer Kritik verbunden werden kann.

Dafür habe ich mehrere Gründe. Zum einen ist mit Schlagworten wie ECTS, BA, Akkreditierung usw. noch nicht begrifflich gefasst, was diese Mechanismen alle bedeuten. Zum anderen denke ich nicht, dass die zum Teil sehr langen Listen unsere Kritik verständlich machen können. Meine Kritik an dem Charakter dieser Listen als Forderungen, wie sie in den Besetzungen anderenorts entstanden sind, habe ich bereits im Kommentar zu diesem (http://diskussionsforum.blogsport.de/2009/12/14/weitere-moegliche-forderungen-2/) Blog-Eintrag dargelegt; es geht im Kern darum, dass Forderungen erst in einer Situation, in der die Gegenseite reagieren muss, Sinn machen. Vergleiche dazu aber auch den Blog-Eintrag mit dem Text „Zur Kritik des Bildungsstreiks“ (http://diskussionsforum.blogsport.de/2009/12/26/zum-sinn-konkreter-forderungen/).

Andererseits geht natürlich wahrscheinlich die kritische Wahrnehmung nicht vom Begriff aus, sondern von allerlei konkreten Erfahrungen, die sich in sehr einfacher Weise gerade mit Punkten aus dem Zielkatalog benennen lassen. Ich schlage daher vor, in eine mögliche Veröffentlichung unserer Kritik die wichtigsten oder „nervigsten“ Probleme mitaufzunehmen, und zwar als Exemplifizierung der allgemeinen Kritik. Das könnten etwa sein: Beschränkung des Zugangs zum Master; überfüllte bzw. zu wenige Lehrveranstaltungen; der hohe Workload in Form von wöchentlichen Hausaufgaben und einem sehr dichten Pflichtprogramm.

Dutschke

„Der ernsthafte Teil der Studentenschaft, das kritisch-antiautoritäre Lager betrachtet die Studienzeit nicht als Rezeption bedeutungslosen Wissens, nichts als Durchgang zum sozialen Aufstieg in einer repressiven Gesellschaft, nicht als lustigen Zeitvertreib oder pseudo-revolutionäres Happening, sondern als die der Mehrheit der Menschen systematisch verweigerte Möglichkeit, sich durch intensive Anstrengung von den durch Vergangenheit und Erziehung verinnerlichten fremden Herrschaftsinteressen zu befreien, die spezifisch menschliche Verstandestätigkeit in sprengende Vernunft gegen die bestehende Gesellschaft zu transformieren.“
aus: Demokratie, Universität und Gesellschaft, Rudi Dutschke, Mai 1967
zum Volltext Rudi Dutschke: Demokratie, Universität und Gesellschaft
*Olivia

zum Sinn konkreter Forderungen

VI. Konkrete Forderungen flankieren den Protest nicht, sondern sind ein Instrument seiner Normierung
aus: Das Elend der Studierenden-Proteste – Zur Kritik am Bildungsstreik, 01.12.2009, Volltext: http://labandavaga.antifa.net/node/189

Die Beschränkung des Protestes auf Forderungen, die bloß auf den Uni- oder Bildungsbereich bezogen sind, affirmiert die gesellschaftliche Konstruktion eines solchen angeblich isolierten Bereichs. Der Blick auf gesellschaftliche Zusammenhänge wird politisch-praktisch ohnehin schon unterlaufen. Durch die Aufspaltung des gesellschaftlichen Gesamtzusammenhanges in verschiedene „Politikfelder“ mit eigenen „Problembereichen“ wird die Illusion erzeugt, die Gesellschaft lasse sich in Spezialgebiete mit eigener Dynamik und Logik aufteilen. Diese Bereiche seien unabhängig von einer Grundtendenz – nämlich der des ökonomischen globalen Wettbewerbs und seinen verschiedenen Erscheinungsformen. Die reale Interdependenz dieser Segmente und ihr unbedingter Zusammenhang werden verneint, wenn sich die Protestierenden in ihrem Protest auf „bildungspolitische“ Forderungen und Fragen beschränken und dadurch die gesellschaftliche Parzellierung affirmativ nachzeichnen, anstatt eben solche Grenzziehungen zu hinterfragen. Durch eine solche Selbstbeschränkung sind die Studierenden in ihrem Protest hilflos auf das im Sonderbereich Bildung Machbare eingeschränkt. Dadurch werden aber die basalen Strukturen des Bildungsbereich, der Status von Bildung in dieser Gesellschaft überhaupt und die gesellschaftliche Rolle der Studentin/des Studenten einer kritischen Grundlagenreflexion entzogen. Die bloße Entscheidung zur Formulierung spezieller und realpolitischer Forderungen trägt also auch implizit eine Entscheidung über die inhaltliche Grundausrichtung des Protestes in sich. In den konkreten Forderungen steckt weiterhin eine Bejahung der verwalteten Kommunikationsmechanismen, die subversives Potential auf das Machbare und Realpolitische festlegen. Ein wichtiges Argument für die Formulierung konkreter Forderungen war nicht zuletzt die Erwartung der Medien, des Rektorats und des Landes. Wenn sich Protest aber unter dem Vorzeichnen gesellschaftlicher Erwartungen entwickelt, dann verliert er ein wesentliches Moment des Aufbegehrens. Er ist nämlich durch die Erwartungen präformiert und schneidet sich, um breit akzeptiert zu werden, auf die Bedingungen seiner Akzeptanz zu. Der Protest reproduziert dann das Erlaubte – mit der Illusion eigener Wirkmächtigkeit. Die Absurdität der Forderungen besteht auch darin, dass sie einen unmittelbaren Einfluss auf die Politik suggerieren. Viel eher ist es aber plausibel, dass allgemein und grundlegende gehaltende Forderungen oder Gedanken zum wirklichen Gegenstand politischer aber auch gesellschaftlicher Debatten werden. Sie wären mit den Regeln politischer Artikulation nicht direkt vereinbar und widersetzten sich daher aus sich heraus den standardisierten und standardisierenden Regeln politischen Protests, sie böten eine tatsächliche Möglichkeit der Resistenz. Wie es derzeit aber ist, erscheinen die Forderungen eher wie an die gängigen Erwartungen und Regeln angepasste Bitten, die im besten Falle bloß eine erneute Verwaltungsreform von oben zur Folge haben, die aus der kapitalistischen Logik dieser Gesellschaft heraus keineswegs die Konkurrenz- und Anpassungsmechanismen unterlaufen wird. Selbstbestimmung und freie Bildung für alle sind auf einer solchen Ebene aber eine Sache der Unmöglichkeit.
*Olivia